Eine Odyssee durch Earthsea von Ursula K. Le Guin

Nach so viel Science-Fiction in den letzten Monaten dürstete es mich mal wieder nach einem epischen Fantasy-Abenteuer, doch ich wollte auch mehr von der absoluten Ikone Ursula K. Le Guin lesen, deren Hainish-Reihe ich euch bereits vorgestellt habe. Aber da gibt’s ja was von Ratio- äh, Le Guin, nämlich die andere Reihe, für die sie in die Geschichte des SFF-Genres eingegangen ist: Earthsea, oder zu Deutsch auch Erdsee – doch da ich die Bücher auf Englisch gelesen habe, bleibe ich in dieser Besprechung wie immer bei der englischen Terminologie.

Der Auftaktroman A Wizard of Earthsea (1968) war einer der ersten großen Fantasy-Bestseller nach Tolkiens Herr der Ringe und zugleich Auftakt einer (nach damaligem Verständnis) YA-Trilogie, zu der auch The Tombs of Atuan (1971) und The Farthest Shore (1973) gehörten. Diese erste Trilogie würde ich persönlich eher als „Adventure Fantasy“ mit starken homerischen Einflüssen bezeichnen – und nicht nur weil die Welt Earthsea eine Wasserwelt mit vielen Inseln und Inselgruppen ist, zwischen denen die Protagonist*innen auf ihren Abenteuern umherirren und an deren Ufern sie oft unerwartete Dinge finden. Danach legte Le Guin über anderthalb Jahrzehnte Pause ein, in denen sie als Autorin und Mensch natürlich weiter gewachsen ist, und 1990 veröffentlichte sie das, was mir gegenüber mehrfach (und zurecht!) als ihr bester Roman bezeichnet wurde: Tehanu. Dieser, und seine Folgebände, sind klar an Erwachsene gerichtet, machen die Welt komplexer und dekonstruieren die Gender-Konventionen der oft männlich dominierten Fantasy, die von Tolkien inspiriert wurde. Danach veröffentlichte sie noch die Anthologie Tales from Earthsea (2001) und den Abschlussroman The Other Wind (2001).

Als Earthsea dann 2018 sein 50. Jubiläum begehen durfte, veröffentlichte Saga Press erstmals einen vollständigen Sammelband mit Illustrationen, die Le Guin persönlich vom Künstler Charles Vess kuratiert hat. Ein auf 2016 datiertes Vorwort, zwei Mitte der 60er als Testläufe veröffentlichte Kurzgeschichten, die sechs Bücher, eine Karte, zwei weitere Kurzgeschichten aus den 2010er-Jahren, viele Vor-, Nach- und Zwischenworte zu den Werken selbst sowie das Manuskript einer Vorlesung über Gender und Fantasy komplettieren den Band, dessen Publikation Le Guin, die Anfang 2018 verstarb, leider nicht mehr erleben durfte. In vielerlei Hinsicht erhält man mit dieser Komplettausgabe also eines der letzten Werke der Autorin und eine der neu darin gesammelten Kurzgeschichten, „Firelight“, die erstmals posthum in einem Magazin veröffentlicht wurde, handelt interessanterweise auch von den letzen Momenten im Leben eines ihrer Protagonisten.

Aber genug zur Publikationshistorie, worum geht es? Earthsea ist ein mittelalterliches Archipel, in dessen Zentrum die Insel Havnor und die verfallenden Paläste einer entmachteten Königsdynastie liegen, deren Reich nur halbwegs von den Zauberern der Insel Roke zusammengehalten wird. Im Osten liegen die Insel der Kargs, quasi die Wikinger dieser Welt, die obskuren Totenkulten folgen und den Rest des Archipels durch Raubzüge peinigen. Im fernen Westen wiederum leben die letzten Drachen auf öden Eilanden, denen sich kein Mensch zu nähern vermag. Im Osten des Archipels, unweit der kargischen Lande, wächst der magisch begabte Junge Sparrowhawk bzw. Ged auf – jede Figur in diesem Zyklus hat mindestens zwei Namen, einen öffentlichen und einen geheimen „wahren Namen“, mit dessen Kenntnis man von feindlichen Magiern und Hexen unterjocht werden kann. Ged wird zur Insel Roke geschickt, um als Magier ausgebildet zu werden, und steigt im Laufe der YA-Trilogie bis zum Erzmagier von Roke auf, dem mächtigsten Mann der Welt – doch wer viel hat, kann auch viel verlieren, und Le Guin scheut nicht davor zurück, Gewonnenes auch wieder zerrinnen zu lassen.

Was ich an Le Guin endlos schätze ist ihre wirklich phänomenale Eloquenz, denn sie vermag es, für jeden Satz die richtigen Worte und die richtige Syntax zu finden, was man besonders bei den eher abenteuerlich veranlagten YA-Romanen zu schätzen und zu lieben lernt. Egal ob man die Gräber von Atuan erkundet, Ged auf seiner Flucht vor einem untoten Schatten quer über die Welt folgt oder in die Totenwelt der „Dry Lands“ hinabsteigt, Le Guins lyrische Prosa trägt einen geschwind über die Wogen ihrer Handlung.

Auch in der etwas reiferen Erzählung von Tehanu sorgt dies dafür, dass das Fantasy-Patriarchat so ungeschönt bedrohlich wirkt, wie es ihm gebührt, aber auch in der Auflösung der Konflikte in jenem Buch brilliert sie sprachlich wie inhaltlich, was das Buch zu einer wahrlich kathartischen Erfahrung macht. Anders als die YA-Romane ist Tehanu allerdings absolut kein leichter Stoff, da Tenar von Atuan, die Hauptfigur aus The Tombs of Atuan, hier als Frau mittleren Alters und Witwe wieder in den Fokus rückt und ein verbranntes Mädchen adoptiert, das auf so viele Weisen von dessen Eltern misshandelt worden war, dass einem die Luft wegbleibt. Tehanus Geschichte beginnt tragisch, aber wie sie unter Tenars Führung aufblüht ist für mich der herzerwärmendste Teil der Earthsea-Saga.

Auch die Tales from Earthsea, die zwischen Tehanu und The Other Wind den Mythos von Le Guins Welt erweitern und vertiefen, haben es mir aufgrund ihrer Vielfalt angetan. Man erfährt viel über die Welt der Dorfhexen, die von den Zauberern von Roke oft spöttisch als minderwertige Magienutzer abgetan werden, und welche Rolle diese sogar in der Geschichte von Roke gespielt haben, und mit „Dragonfly“ enthält die Anthologie auch eine direkte Brücke in die Handlung von The Other Wind, die mich mit ihrer Drachen-Lore begeistert hat. Le Guins Drachen sind keine Kopien von Smaug aus Herr der Ringe oder Prinzessinnen entführende Monster, sondern wirklich eigensinnige Wesen, die tief mit der Schöpfungsgeschichte ihrer Welt verknüpft sind und von Buch zu Buch wichtiger werden, als Ged, Tenar, Tehanu und der junge Prinz Arren die Mysterien ihrer Welt aufzulösen beginnen.

Earthsea war nicht immer als ein mehrere Bücher und Kurzgeschichten umfassendes Epos geplant gewesen, aber Le Guin schafft es dennoch, dass am Ende alles wie aus einem Guss wirkt, trotz des Zielgruppen-Sprungs von Tehanu, denn die Themen von Sterblichkeit, Verlust und Neubeginn, die den Zyklus durchziehen, einen ihn und sorgen am Ende auch dafür, dass die Mythologie, die über die sechs Bände aufgebaut wurde, in einen absolut befriedigenden Abschluss mündet, der Leser des gesamten Werkes belohnt.

Es gibt übrigens auch auf Earthsea basierende Animations- und Live-Action-Verfilmungen, erstere sogar von Studio Ghibli, die allerdings nur sehr lose auf Le Guins Werk basieren und von ihr selbst auch nicht mit viel Liebe bedacht wurden. Wer also wissen will, worum es bei Earthsea wirklich geht, kommt – anders als z.B. bei Murderbot oder The Expanse – nicht umher, zum Buch zu greifen. Und irgendwie fühlt sich das auch richtig an, denn wir alle sollten mehr Bücher lesen und die Welten unserer kreativsten Autor*innen auf diese Weise erkunden, anstatt immer nur auf Verfilmungen zu warten.

Auch wenn ich The Farthest Shore persönlich als schwächsten der fünf Romane (bzw. sechs Bücher, mit Tales from Earthsea) betrachte, was ihn immer noch besser macht als viele andere Bücher, stammt mein Lieblingszitat aus dem Zyklus aus genau jenem Buch. Der nachfolgende Schlagabtausch zwischen Ged und dem größenwahnsinnigen Zauberer Cob, der um jeden Preis die Unsterblichkeit verfolgt, illustriert nämlich nicht nur Le Guins sprachliche Fertigkeiten, sondern kann auch als Verurteilung derer gelesen werden, die ihres Wohlstands wegen Raubbau an unserer Welt betreiben und sich von ihren Milliarden innerlich aushöhlen lassen. Aber seht selbst:

Cob: „You are not real. You have no name. Only I exist.“

Ged: „You exist: without name, without form. You cannot see the light of day; you cannot see the dark. You sold the green earth and the sun and stars to save yourself. You have given everything for nothing. And so now you seek to draw the world to you, all that light and life you lost, to fill up your nothingness. But it cannot be filled. Not all the songs of earth, not all the stars of heaven, could fill your emptiness.“

Wer von euch hat Earthsea bereits gelesen? Und wenn nicht, was hält euch ab?

P.S.: Die Sachtexte in dieser Ausgabe, also die Vor- und Nachworte, sind ebenfalls ein Hochgenuss, da Le Guin auch als Essayistin und Vortragende einen guten Ruf hatte. In den enthaltenen Texten geht sie stets selbstkritisch und ehrlich mit ihrem eigenen Werk um und platziert es gekonnt im Gesamtkontext der Genre-Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts.

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