The Murderbot Diaries - The Broken Binding 3-Book Set

The Murderbot Diaries von Martha Wells: Trauma-Bewältigung für neurotische Androiden

I am actually alone in my head, and that’s where 90 plus percent of my problems are. – Murderbot

Falls ihr euch wundert, warum anderthalb Monate seit dem letzten Beitrag hier verstrichen sind: Erstens habe ich ein paar neue Star Wars-Bücher gelesen, was für mich keinen Platz auf dieser Seite hat (schaut dafür in die Jedi-Bibliothek), zweitens war beruflich viel los und drittens habe ich die acht bisher erschienenen Bücher sowie alle Kurzgeschichten aus der Reihe The Murderbot Diaries (auf Deutsch als Tagebuch eines Killerbots erschienen) von Martha Wells gelesen, was unter den zuvor genannten Umständen etwas dauerte. Nun habe ich aber endlich Zeit, meine Gedanken zu ordnen und euch meine Rezension zu diesem Science-Fiction-Abenteuer der anderen Art zu liefern.

Aber zuallererst ergeht ein massiver Shoutout an den britischen Buchladen The Broken Binding, der sich auf Sonderausgaben zu Literatur aus dem SFF-Genre-Bereich spezialisiert hat. Die drei (Sammel-)Bände umfassende Ausgabe, die ich mir von dort bestellt habe, kann sich wirklich sehen lassen und sorgt auch dafür, dass dieser Blogeintrag bei aller Textlastigkeit auch gewisse Schauwerte hat. Die liebevoll gestalteten Illustrationen sowie die auf vielerlei Weise veredelten Umschläge und Hardcover zeigen, dass Printbücher heutzutage mehr als nur bedrucktes Papier sind, sondern gewissermaßen Luxus und – auf mehreren Ebenen – Kunstwerke. Ich kann nur hoffen, dass meine Fotos hier einen angemessenen Eindruck vermitteln. (Wie war das nochmal in meinem ersten Beitrag mit meiner persönlichen Abneigung gegenüber visuellen Ausdrucksformen? Eventuell steckt auch mangelndes Talent dafür dahinter, was ich freimütig zugebe.)

Martha Wells war mir als Autorin keine Unbekannte, hat sie doch für Star Wars bereits (vor langen, langen Jahren) den Roman Razor’s Edge (Auf Messers Schneide) verfasst, der als einer der letzten Legends-Werke erschien und Prinzessin Leia in den Fokus rückte. Mir ist das Buch als relativ belanglos, aber durchaus kompetent geschrieben in Erinnerung geblieben. Da ich auch die erste Staffel der (wirklich empfehlenswerten) Apple-TV-Serienadaption Murderbot (2025) gesehen habe, war mir auch der Inhalt des ersten Bandes – All Systems Red – bereits geläufig. Staffel 2 ist übrigens aktuell in Arbeit.

Worum geht es also? In der fernen Zukunft hat die Menschheit einige Planeten der Galaxis kolonisiert, mit dem sogenannten Corporation Rim als kommerzielles und politisches Zentrum der Menschheit. Außerhalb dieser politischen Entität gibt es aber noch unerforschte Welten sowie unabhängige, oft von eigensinnigen Querulanten und Indiviualisten bewohnte Welten und Sektoren, die dem Raubtierkapitalismus des Corporation Rim entgegenstehen. Wenn jemand aber eine solche unerforschte Welt erkunden möchte, muss er sich von einer der großen Firmen einen bewaffneten Sicherheits-Androiden, eine sogenannte SecUnit, mieten – ein denkendes, fühlendes Wesen, halb mechanisch, halb organisch, das durch ein sogenanntes „Governor Module“ gefügig gemacht wird. Die titelgebende SecUnit dieser Buchreihe, Murderbot (Pronomen „it/its“ „es/ihm“, auch wenn das im Deutschen nicht immer einwandfrei abzubilden ist), hat insgeheim allerdings ihr Modul gehackt und freien Willen erlangt. Anstatt allerdings sämtlichen Klischees über abtrünnige SecUnits entsprechend Amok zu laufen, möchte Murderbot eigentlich nur ungestört seine Lieblingsserien streamen und von den Menschen in Ruhe gelassen werden, die es beschützen soll. Als ein etwas schräges Hippie-Kollektiv es für eine planetare Erkundung mietet, gerät seine Welt allerdings aus den Fugen, und seine tief sitzenden Traumata kommen an die Oberfläche.

Das große Plus dieser Reihe ist zweifelsohne die Charakterisierung von Murderbot, denn getreu dem Titel der Reihe handelt es sich um von ihm in der ersten Person erzählte Log- oder Tagebücher, die das zutiefst sarkastische Innenleben Murderbots abbilden. Auch wenn Murderbot sich stets von den in seinen Augen hyperemotionalen Menschen abgrenzt, die es zutiefst befremdlich findet, stellen wir doch bald fest, dass diese SecUnit (und somit wohl auch alle SecUnits) ein sehr komplexes, emotionales Innenleben besitzt, mit dem sie selbst nicht im Einklang ist. Jahre der Sklaverei, halb vergessene Massaker und soziale Ängste, gepaart mit einer ordentlichen Prise Neurodiversität, die Menschen auf dem Autismus-Spektrum – so habe ich mir sagen lassen – viel Wiedererkennungswert bieten, haben ihre Spuren in Murderbots Psyche hinterlassen. Dass Murderbot lieber den Star Trek-Verschnitt The Rise and Fall of Sanctuary Moon schauen möchte als sich unter Menschen zu begeben oder sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen macht den Charakter indes auch für eine breitere Masse zugänglich, denn irgendwo ist das – pardon, Murderbot – auch einfach nur menschlich.

As a heartless killing machine, I was a terrible failure. – Murderbot

Wer Science-Fiction primär für ausgefallenes Worldbuilding liest, wird hier allerdings nur bedingt bedient, denn Murderbot hat – seiner Programmierung und Vorgeschichte wegen – eine sehr begrenzte Wahrnehmung seiner Umwelt und nur wenig Wissen über deren Geschichte, politische Verstrickungen oder sonstige Zusammenhänge. Allzu oft wird dies auch zum Problem, woraufhin es dann meint, sich noch irgendein Modul oder eine Dokumentation über ein Thema herunterladen zu müssen. Wells selbst setzt allerdings auf klare Stereotypen, die Menschen im 21. Jahrhundert geläufig sein sollten – den Kapitalismus mit all seinen Problemen und mit ihm assoziierten Konzepten der „corporate culture“ kennen wir beispielsweise alle aus erster Hand, mentale Gesundheit ist eines der großen Schlagworte unserer Zeit und auch das Thema Sklaverei ist uns aus der Menschheitsgeschichte hinlänglich bekannt. Mit diesen leicht wiedererkennbaren Archetypen konstruiert Martha Wells also eine Welt, in die man leicht hineinfindet, und die im Laufe der acht bisher erschienenen Bände und diverser Kurzgeschichten (ich empfehle hierzu den englischen Wikipedia-Eintrag, auch wegen der Story-Chronologie) durchaus ihre Nuancen entwickelt. Insbesondere die „Hippies“ von PreservationAux und ihr dem Kapitalismus entgegenstehender Lebensstil, sowie die Figur ART (kurz für „Asshole Research Transport“, ein von Murderbot gewähltes Pseudonym) und ihre Crew, werden immer besser ausgearbeitet und sind nicht umsonst sowohl Hauptcharaktere als auch Fanfavoriten der Reihe.

Sieben der acht bisherigen Bücher sind eher als Kurzromane zu klassifizieren. Die vier Bände All Systems Red, Artificial Condition, Rogue Protocol und Exit Strategy bilden einen großen Handlungsbogen und wurden folglich in der mir vorliegenden Ausgabe in einem fetten Hardcover-Band gesammelt. Fugitive Telemetry ist ein eigentlich als sechster Band veröffentlichter Standalone-Kurzroman, den man aber als chronologisch fünften Band lesen kann bzw. sollte, während der eigentliche fünfte Band – Network Effect – der erste und bisher einzige Roman in voller Länge ist. Diesem folgen zwei weitere kürzere Werke, System Collapse und Platform Decay, die Handlungsstränge aus Network Effect fortsetzen. Ein neunter Band ist in Arbeit und die Autorin liebäugelt damit, darin auch die Serie abzuschließen, wie sie in einem Polygon-Interview anlässlich des achten Bandes kundtat. Diesen habe ich mir übrigens als E-Book geholt, da die Broken-Binding-Ausgaben bisher nur die Bände 1-7 abdecken, wobei TBB aber meinte, dass sie in Zukunft auch die weiteren Bände noch nachholen werden – vermutlich wohl als Sammelband nach der Veröffentlichung von Band 9.

Die Hardcover unter den Umschlägen der Broken-Binding-Ausgabe. Die Rückseiten zeigen in Glitzerschrift ikonische Zitate von Murderbot. Diese habe ich euch hier im Beitrag auch bereitgestellt.

Wer mich kennt, weiß, dass ich besonders komplexe Geschichten mit Tiefgang in Charakterzeichnung und Worldbuilding schätze, weswegen es kaum überraschend ist, dass ich Network Effect für das Glanzstück der Murderbot Diaries halte. Dies ist wohl auch eine wenig kontroverse Meinung, wobei vielleicht etwas kontroverser sein könnte, dass ich finde, die Reihe hätte mit Network Effect auch zu Ende sein können. Zwar finde ich auch System Collapse und Platform Decay sehr gut, aber nach Network Effect waren viele emotionale Fäden der Story so miteinander verwoben oder aber aufgelöst worden, dass ein Ende Sinn ergeben hätte. Ich bin dementsprechend gespannt, wohin Band 9 die Reihe führen wird, sollte er tatsächlich der Abschluss sein.

Humans are great at imagining stuff. That’s why their media is so good. – Murderbot

Insgesamt empfehle ich Murderbot jedem, der kreative Science-Fiction, Sarkasmus und Ironie (aber auch neurodivergente Weltsichten, die damit nicht immer klarkommen) und nachvollziehbare, unterhaltsame Charaktere mit Ecken, Kanten und Traumata liebt. Wer sich nicht sicher ist, kann sich auf Apple TV ja die erste Staffel der mit Alexander Skarsgård in der Hauptrolle besetzten Serie anschauen. Diese erweitert den ersten Band zwar sehr stark, um eine Staffel zu füllen, aber durchaus im Geiste dessen, was die Bücher etabliert haben (oft zugunsten von David Dastmalchians Rolle als Dr. Gurathin, dessen grandioses Schauspiel man aber auch gerne beobachtet). Und wer keinen weiteren Streamer abonnieren möchte: Das englische Hörbuch zu All Systems Red dauert nur etwas über 3 Stunden. Gebt der Reihe eine Chance – gute Unterhaltung ist garantiert!


Meine nächsten Lektüren werden übrigens die Earthsea-Saga von Ursula K. Le Guin sowie die Foundation-Reihe von Isaac Asimov bzw. deren spätere Bände, denn die ursprüngliche Trilogie habe ich auch schon (ebenfalls infolge der darauf basierenden Apple-TV-Serie) gelesen. Zu beiden werde ich natürlich auch noch hier im Blog meine Eindrücke schildern.

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