There Is No Antimemetics Division von qntm – zwischen Kreativität, Absurdität und kosmischem Horror
Ein Antimeme ist das lebendige Gegenteil eines Memes – anstatt dass man sich ewig daran erinnert und es an passender Stelle zur Erheiterung aller in einen Gesprächsfluss einstreut, vergisst man es vollkommen. Diese unbekannten und unerkannten Wesenheiten leben in unserer Mitte, ernähren sich teils auch von unseren Erinnerungen, zersetzen unsere Gesellschaft oder manipulieren anderweitig unsere Wahrnehmung. Wie gut, dass es (k)eine Antimemetik-Abteilung gibt, die uns gegen diese Bedrohung verteidigt! Das ist die Prämisse des Romans There Is No Antimemetics Division des britischen Autors Sam Hughes, der dafür (weitgehend selbst verfasste) Mythologie aus dem SCP-Foundation-Wiki verwendet und unter seinem Pseudonym qntm („Quantum“) schreibt. Ursprünglich als serialisierte Internetfiktion veröffentlicht, erschien das Buch 2025 mit diversen Überarbeitungen nun als „richtiges“ Buch beim prestigeträchtigen Verlagshaus Del Rey (das für Star Wars-Fans kein Unbekannter ist) und hat sich damit eine neue Leserschaft eröffnet – darunter auch meine Wenigkeit.

Bild © Del Rey
Das Buch mischt dabei narrative Prosa mit eingeschobenen Fallakten (oftmals teilweise zensiert, aber immer erkennbar genug, um ein lebhaftes Bild zu erschaffen und zugleich durch die Auslassungen genug Raum für den kosmischen Horror zu lassen) und anekdotischen Kurzgeschichten über Agenten dieser Abteilung. Übergeordnet folgt man aber hauptsächlich der Figur Quinn, welche die Antimemetikabteilung der „Unknown Organisation“ (UO) leitet und somit die Jagd auf antimemetische „Unknowns“ koordiniert. Die Mittel, die Quinns Leute dafür benutzen, zeugen dabei genauso sehr von der Kreativität des Autors wie die Monster, auf die Jagd gemacht wird, und nicht allzu selten werden die Jäger zu den Gejagten.
Es ist schwer, viel über das Buch zu schreiben, ohne manche der cleversten Wendungen vorwegzunehmen, aber wer ein gutes Auge für Hintergrunddetails hat (beispielsweise Figurenbeschreibungen, Lichtfarben oder statistisch relevante Zahlen über die UO) wird schnell merken, dass Hughes hier einen sehr durchdachten Plot entfaltet, der zu Beginn zwar bruchstückhaft und kaleidoskopisch erzählt wirkt, aber eben nur wirkt, denn alles ist in irgendeiner Form für den Fortgang der Handlung relevant, die im weiteren Verlauf des Romans auch flüssiger und kohärenter daherkommt, sobald all die Puzzlestücke ihren Platz im Gesamtbild einnehmen.
Das Genre ist ebenfalls schwer zu definieren, finde ich, da es sich um eine Mischung handelt. Science-Fiction und Horror sind die naheliegenden Kategorien, aber wer jetzt von Horror eventuell abgeschreckt ist: Gebt dem Buch eine Chance! Es ist kein auf „Jump Scares“ und Schockmomenten basierender Horror, sondern schleichendes Grauen, das sich im Hintergrund aufbaut, und wenn der Leser und/oder die Figuren das Ausmaß der Tragödie erfassen, kann es oft auch schon zu spät sein, um das Schicksal noch (in Gänze) abzuwenden. Das ist der kosmische Aspekt – manche der Monster ähneln aufgrund ihrer Allmacht an Wesenheiten wie Cthulhu, nur ohne Lovecrafts Rassismus. Andere „Unknowns“ wiederum haben eher die Persönlichkeit eines hungrigen Hundewelpen und wirken geradezu niedlich… hallo, Sunshine!
Das Buch hat somit eine starke psychologische Wirkung, die einerseits beklemmend, aber irgendwie auch befreiend wirkt, da man den Wert der eigenen Erinnerungen an dem erkennt, was die handelnden Figuren im Laufe der Handlung vergessen, und wie gut wir es im Vergleich dazu doch haben. Dabei nutzt qntm geschickt die menschliche Urangst vor Krankheiten wie Alzheimer oder anderen Formen von Demenz, um das Gefühl der Unvermeidlichkeit des Schreckens, das diesen Roman an vielen Stellen prägt, seine maximale Wirkung entfalten zu lassen.
Insgesamt ist There Is No Antimemetics Division in meinen Augen Pflichtlektüre für jeden, der gerne Bücher liest, die narrative Konventionen sprengen, originelle Ansätze zum Storytelling finden und generell vor Einfallsreichtum strotzen. Qntm/Sam Hughes beweist seine Kreativität und schafft eine spannende, aber irgendwie auch missbehaglich-behagliche „Cozy Horror“-Atmosphäre, die mit den eingestreuten Fallakten über die „Unknowns“ und den wechselnden Perspektiven stets abwechslungsreich bleibt.
Klingt das Buch für euch interessant? Habt ihr es bereits gelesen und vielleicht sogar eine andere Meinung dazu? So oder so, schreibt es mir gerne in die Kommentare.
P.S.: Danke an meine Frau, Katja, für diesen Lesetipp!
