Der Hainish-Zyklus: Ein galaktischer Sandkasten von Ursula K. Le Guin

Heute möchte ich euch den sogenannten Hainish-Zyklus oder das Hainish-Universum von Ursula K. Le Guin nahebringen. Es gibt für die Reihe keinen offiziellen Namen und Le Guin selbst sträubte sich zu Lebzeiten sogar dagegen, von einer Reihe zu sprechen, daher spreche ich gerne von einem „Sandkasten“ für Geschichten. Le Guin, eine der bekanntesten amerikanischen Genre-Autorinnen der letzten 100 Jahre, schrieb fast fünf Jahrzehnte an diesem Universum, von 1966 bis 2000, zu dem sieben Romane und weit über ein Dutzend Kurzgeschichten gehören.

Worum geht es?

Ursula K. Le Guin / The Hainish Novels and Stories / Library of America / 2017 / 978-1-59853-537-2

Die Prämisse aller Werke ist, dass die Menschheit sich nicht auf der Erde, sondern auf einer Welt namens Hain entwickelt hat, und alle anderen besiedelten Planeten – darunter auch Terra, unsere Erde – von den Hainish mit Menschen besiedelt und dann, vor gut einer Million Jahren, aus unbekannten Gründen sich selbst überlassen wurden – vermutlich durch einen Kollaps ihres expansionistischen Imperiums. Manche dieser Welten waren reine Kolonien – auf anderen wurden genetisch veränderte Menschen angesiedelt. Im Laufe der tausend Jahrtausende gab es außerdem auch evolutionäre Faktoren, die diese einstmals hainishen Menschensiedlungen voneinander differenzierten.

Im modernen Zeitalter, in dem die Geschichten spielen, haben Hain, Terra und einige andere Welten aufgrund wieder Kontakt zueinander aufgenommen und eine friedfertige Utopie etabliert, die „League of All Worlds“ (in späteren Werken dann „Ekumen“ genannt), in der es einerseits um interplanetare Zusammenarbeit, andererseits auch um die Erkundung noch nicht kontaktierter Menschenwelten aus der vergangenen hainishen Expansion geht. Somit sind viele Protagonist*innen sogenannte „Mobiles“ des Ekumen, also Anthropologen und andere Wissenschaftler, die mit diesen Zivilisationen in Kontakt treten und sie oftmals durch Zeiten sozialen oder technologischen Umbruchs begleiten, bevor sie bereit sind, der galaktischen Gemeinschaft beizutreten.

Warum sprichst du von einem Sandkasten?

Nun, zunächst einmal gibt es keine wirkliche übergreifende Handlung wie beispielsweise bei Star Wars, dem MCU oder anderen Franchise-Universen. Jedes Buch steht für sich, und viele der Kurzgeschichten, wobei aber manche zusammengehörige Mikrokosmen bilden, beispielsweise die „Story Suite“ Five Ways of Forgiveness oder die Trilogie der sogenannten „Churten-Kurzgeschichten“ sowie drei Kurzgeschichten, die auf dem Planeten O spielen (von denen auch eine zu den Churten-Storys gehört… aber lasst euch von diesem Venn-Diagramm nicht verwirren). Man kann allerdings eine halbwegs klare Chronologie konstruieren und ich persönlich unterteile das gesamte Werk in drei Phasen, die ich wie folgt beschreiben würde:

  • „The Age of the League“ – die frühen Romane Rocannon’s World und Planet of Exile, sowie den nachträglich als Prequel veröffentlichten und von mir sehr geschätzten Roman The Dispossessed
  • „The Age of the Enemy“ – Ein Feind von außen zerschlägt die Liga und herrscht eine Weile über die Menschheit; das wird in City of Illusions behandelt
  • „The Age of the Ekumen“ – Die Liga formiert sich neu als das Ekumen; darin spielen sämtliche weitere Kurzgeschichten und Romane, u.a. große Klassiker wie The Left Hand of Darkness

Warum aber nun ein Sandkasten? Nun, jedes dieser Werke behandelt ein sozialphilosophisches Gedankenexperiment, auf das Ursula K. Le Guin sich einlassen wollte: Was, wenn Menschen keine Geschlechter hätten? Was, wenn wir quasi teleportieren könnten? Was, wenn die Erde wieder in ihren Naturzustand zurückversetzt würde? Was, wenn eine Gesellschaft eine konsequente Anarchie umsetzen würde? Und, und, und… Alle Werke existieren im selben Kosmos und es gibt durchaus Anspielungen auf Ereignisse und Figuren aus anderen Büchern, aber allein aufgrund dieser ganzen Experimente, bei denen Le Guin sehr methodisch und gründlich denkend vorgeht, bei manchen später aber auch offene Selbstkritik geübt hat, ist jedes Buch nun einmal ein eigenständiges Werk. Mit diesen Experimenten wollte Le Guin mal mehr, mal weniger offensichtlich das kulturelle Zeitgeschehen unserer Welt kommentieren, vom Vietnamkrieg über alternative Gesellschaftsentwürfe bis hin zu Fragen der geschlechtlichen und ethnischen Gleichberechtigung.

Themen, die sich durch viele der Werke ziehen, sind Umweltschutz, die Philosophie des Taoismus (Le Guin ist auch bekannt dafür, eine eigene Übersetzung des Tao Te Ching angefertigt zu haben) sowie Le Guins eigener, sich stetig entwickelnder Feminismus, der sich – ebenso wie ihre spätere Neigung, vermehrt queere Beziehungsmodelle oder ganze pansexuelle Gesellschaften darzustellen – aber erst im Laufe ihrer Werke entfaltet. So kann man auch gut ihre persönliche Entwicklung als Mensch im Amerika des 20. Jahrhundert mitverfolgen, wo sie sich immer mehr Freiheiten erarbeitet und auch für sich und ihr Werk beansprucht.

Welche Werke empfiehlst du besonders?

Ich möchte euch hier kurz meine Top Fünf der Hainish-Werke vorstellen, allerdings nicht unbedingt in einer verbindlichen Rangordnung.

  • In The Dispossessed (zu Deutsch als „Planet der Habenichtse“) besuchen wir das Tau-Ceti-System (Grüße gehen raus an Fans von Project Hail Mary), in dem zwei bewohnte Welten existieren, das sich im Endstadium des Kapitalismus befindliche Urras und der Mond Anarres, auf dem sich wenige Jahrhunderte zuvor eine abtrünnige Gruppe von Anarchisten niedergelassen hat, die von Urras fliehen musste und auf Anarres eine egalitäre Gesellschaft ohne Besitzverhältnisse gründete. Wir folgen dem Anarresti-Physiker Shevek, dessen gesamte Biographie wir in Flashback-Kapiteln ergründen dürfen, die sich mit der Gegenwartshandlung abwechseln, in der sich auf Urras eine Revolution anbahnt, in die Shevek, der theoretische Prinzipien für eine neue Technologie zur simultanen Kommunikation über galaktische Distanzen hinweg entwickelt hat, prompt verwickelt wird. Die an Pierre-Joseph Proudhons Anarchismus-Theorien erinnernde Anarresti-Gesellschaft fand ich als Gedankenexperiment wirklich faszinierend, und die explosive Gegenwartshandlung inmitten kollabierender kapitalistischer Systeme gleich doppelt. Das Buch wurde 1974 geschrieben, wohlgemerkt, inmitten des kalten Krieges.
  • Die Kurzgeschichte „Solitude“ (1994) beschreibt eine postapokalyptische Welt, die man salopp gesagt auch als „Planet der Introvertierten“ bezeichnen könnte, auf dem extrovertierte Menschen mal den Spieß umgedreht bekommen und die Außenseiter sind. Jeder lebt für sich oder in sehr kleinen Siedlungen, in denen man sich gegenseitig aus dem Weg geht und niemals miteinander spricht, außer, jemand benötigt Hilfe oder es geht darum, körperliche Bedürfnisse zu stillen. Die Protagonistin, die auf dieser Welt aufgewachsen ist, hat dabei ein eigenes Konzept von „Magie“, das sie ihrer Mutter – einer Anthropologin des Ekumen – vorwirft: „Magie“ ist, wenn man versucht, anderen Menschen Regeln aufzuzwingen und ihre Freiheit zu nehmen. Lasst die Introvertierten doch einfach in Ruhe, Mensch! Der wehmütig-intime Schreibstil und die Gedanken zur menschlichen Seele, die in dieser Geschichte zu Tage treten, haben mich voll abgeholt, auch, wenn ich am Ende doch nicht in dieser „Gesellschaft“ leben möchte.
  • Five Ways to Forgiveness (ursprünglich 1995 alsFour Ways erschienen, aber es gab 1999 noch eine nachträgliche Kurzgeschichte“, die seit einer Neuausgabe von 2017 von Le Guin offiziell dazugezählt wird) ist eine von Le Guin als „Story Suite“ (angelehnt an einen musikalischen Begriff) bezeichnete Anthologie, die auf den Nachbarwelten Werel und Yeowe spielt, wo durch eine strikte Kastengesellschaft bis vor kurzem noch institutionalisierte Sklaverei existierte. Die Kurzgeschichten beschäftigen sich mit den historischen Ereignissen, persönlichen Schicksalen und gesellschaftlichen Konflikten, die zur Überwindung dieser Sklaverei nötig waren und sind. Dabei schönt Le Guin einerseits nichts von der Gewalt, die stattgefunden hat, bleibt andererseits aber dennoch ihrem poetischen, nachdenklichen Stil treu, für den sie so bekannt ist. Werel ist dabei die Hauptwelt, während die Koloniewelt Yeowe in der Hand ehemaliger Sklaven ist, von denen aber auch noch einige unfrei auf Werel verbleiben. Die Geschichten schlüsseln sich wie folgt auf:
    • In „Betrayals“ folgen wir einer alternden Frau auf Yeowe, Yoss, die über den dauerhaften Frieden auf anderen Welten des Ekumen nachsinnt und sich wundert, ob Werel und Yeowe jemals diesen Punkt erreichen werden. Als ihr Nachbar Abberkam, ein wegen Korruption in Ungnade gefallener einstiger Revolutionsführer und Kriegstreiber, ihr schwer krank über den Weg läuft, steht sie an einem Scheideweg.
    • In „Forgiveness Day“ folgen wir der jungen Ekumen-Botschafterin Solly, die auf Werel tätig ist, als dort soziale Unruhen drohen. Dabei muss sie sich als Alien-Frau in dem dortigen Kasten- und Klassensystem zurechtfinden, das Sexismus, Religion und Rassismus auf komplexe Weise mischt.
    • In „A Man of the People“ lernen wir Havzhiva kennen, der auf Hain aufwächst und dann auf Yeowe für die dortige Ekumen-Botschaft arbeitet. Auch nach der dortigen Revolution muss er feststellen, dass manche Ungleichheiten geblieben sind, und Xenophobie und Misogynie zwei Übel sind, die er sich annehmen muss.
    • In „A Woman’s Liberation“ erleben wir den Bericht von Rakam, einer in Unfreiheit geborenen Sklavin auf Werel, die einen langen und beschwerlichen Weg zur Freiheit gehen muss. Ihre Schilderungen sind von Wehmut und Schmerz geprägt, und gerade als Lehrer fand ich hierin viele Wahrheiten über das Menschsein und unsere Rolle in der Gesellschaft, die noch lange bei mir bleiben werden.
    • Der Nachtrag „Old Music and the Slave Women“ folgt einer Figur namens Old Music, die in den vorherigen Geschichten oft als Nebencharakter auftrat. Als Ekumen-Vertreter auf Werel wird er in den dortigen Befreiungskrieg der Unterschichten verwickelt, was an sich schon spannend ist, aber noch spannender fand ich seine Lebensphilosophie und seine besonnene, geradezu taoistische Sichtweise auf die Welt, die mich irgendwie an einen leicht zynischen, in sich ruhenden Meister Yoda erinnerte.

Als „Honorable Mentions“ lasse ich noch Rocannon’s World da, was nicht nur das erste Werk in diesem Kosmos, sondern scheinbar auch eines der ersten direkt von Tolkien inspirierten und massenwirksam publizierte literarische Werk war (denn die dortige Welt ähnelt in vielerlei Belang eher Mittelerde als der Zukunft im Weltraum – bis hin zu Elben und Zwergen); und Le Guins wohl größter Sci-Fi-Erfolg The Left Hand of Darkness, wo sich der Ekumen-Gesandte Genly Ai auf der Welt Gethen wiederfindet, auf der Menschen kein Geschlecht haben, außer wenn sie ihre „Tage“ haben und sich fortpflanzen, und jeder Mensch in einem Monat mal die männliche, im nächsten mal die weibliche Rolle einnehmen kann. Dabei hat Le Guin sehr interessant aufgearbeitet, wie eine solche geschlechtslose Gesellschaft im Großen wie im Kleinen anders aussehen würde als auf der Erde.

Warum sollte ich Le Guin lesen?

Le Guin, die Anfang 2018 verstarb, war eine der einflussreichsten Science-Fiction- und Fantasy-Autorinnen der letzten 100 Jahre, die für ihren poetischen, lyrischen Stil und ihren tiefen Einblick in die menschliche Psyche bekannt war. Neben dem Hainish-Zyklus gehört auch die Fantasy-Saga Earthsea zu ihren bekanntesten Werken (die ich mir ebenfalls kürzlich als massive Komplettausgabe angeschafft, aber noch nicht gelesen habe). Ebenso kennt man sie für ihre Kurzprosa und ihre Essays, in denen sie oft auch selbstkritisch und offen mit dem eigenen Werk und ihren Ansichten umgeht, und abschließend möchte ich euch zwei Werke da lassen, die frei online verfügbar sind und in fünf Minuten gelesen sind:

  • Die fünfseitige Kurzgeschichte „The Ones Who Walk Away From Omelas“, eine Parabel über den Utilitarismus und seine Fehler, die ihr z.B. hier und auch per Google-Suche recht schnell als frei verfügliche PDF findet. (Keine Hainish-Story, aber trotzdem sehr lesenswert.)
  • Das Vorwort zu The Left Hand of Darkness, in dem sie über die Möglichkeiten und Grenzen der Science Fiction philosophiert, findet ihr auf der Website von Penguin Random House als Leseprobe.

Empfiehlst du eine bestimmte Ausgabe?

Tatsächlich ja, zumindest wenn ihr auf Englisch lesen und möglicherweise sogar alle der Hainish-Werke lesen wollt. Die Non-Profit-Organisation „Library of America“ hat einen schmucken Schuber mit zwei Hardcovern veröffentlicht, in dem sämtliche Hainish-Werke, Le Guins Vor- und Nachworte und weitere Begleitmaterialien (z.B. Karten, enzyklopädische Dokumente und Kurz-Essays) enthalten sind. Unter der ISBN 978-1-59853-537-2 bekommt ihr (je nach Händler) für etwas über 50 € auf 1921 Seiten quasi das Rundum-Sorglos-Paket. Diese Ausgabe habe ich oben auch abgebildet. Alternativ sind die Einzelwerke und Anthologien auch alle als E-Book verfügbar, aber so weit ich sehen kann eben nicht gesammelt.

Und jetzt ihr!

War dieser Beitrag zu ausführlich? Habt ihr trotzdem noch Fragen, die offen geblieben sind? Habt ihr Le Guins Werk schon gelesen? – Dann schreibt mir gern eure Gedanken! Und wenn nicht – konnte ich eure Neugierde wecken? Ich bin gespannt, was ihr meint.

Ich selbst werde mich nun dem letzten Hainish-Werk, The Telling, widmen, bevor ich diesen Kosmos nach fast vier Monaten abwechslungsreicher Lektüre wieder verlassen darf.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert