James S. A. Corey verpflanzt das Buch Daniel in den Weltraum mit The Captive’s War

James S. A. Corey sollten Science-Fiction-Kennern inzwischen ein Begriff sein. Neben neun The Expanse-Romanen (plus einem zehnten Band voller Kurzgeschichten), der dazugehörigen Streaming-Erfolgsserie auf Amazon Prime sowie einem überdurchschnittlich guten Star Wars Legends-Roman gehört das Autorenduo Daniel Abraham und Ty Franck, das sich hinter dem gemeinsamen Pseudonym verbirgt, wahrlich zum modernen Establishment des Genres. Abraham hat sich zudem auch mit seinen Fantasy-Werken einen Namen gemacht (z.B. mit der Kithamar-Reihe), die sicherlich auch irgendwann einmal auf diesem Blog landen werden – sobald ich Zeit hatte, sie mir zu Gemüt zu führen, versteht sich.

Heute soll es allerdings um die (geplante) Trilogie The Captive’s War gehen, Abrahams und Francks neues gemeinsames Projekt nach dem Ende von The Expanse. Ich spreche von einer Trilogie, sollte allerdings klarstellen, dass von den geplanten drei Romanen und zwei Novellen dieser Reihe aktuell nur die ersten beiden Romane – The Mercy of Gods und The Faith of Beasts – sowie die E-Book-Novelle Livesuit erschienen sind. Ich habe dieses Wochenende den kürzlich erschienenen zweiten Roman, The Faith of Beasts, zu Ende gelesen und möchte meine Gedanken dazu mit euch teilen. Die Prämisse orientiert sich dabei an der babylonischen Gefangenschaft der Juden im Alten Testament, die von König Nebukadnezar aus ihrer Heimat verschleppt und in seiner Hauptstadt gefangen gehalten wurden, wie es im biblischen Buch Daniel nachzulesen ist. Diese textliche Vorlage vermischt James S. A. Corey nun mit den Folgen einer Alieninvasion.

The Captive’s War Bd. 1 und 2 – The Mercy of Gods (2024) und The Faith of Beasts (2026), englische Paperbacks von Orbit

Darum geht es konkret: In ferner Zukunft existiert eine isolierte menschliche Kolonie auf den Planeten Anjiin, auf der wir einige Wissenschaftler kennenlernen und bei ihrem Alltag folgen, bevor eine Alieninvasion ihr Leben für immer auf den Kopf stellt. Die Carryx, ein gnadenloses interstellares Imperium, schlachten ein Achtel der Bevölkerung ab und entführen die überlebende politische, künstlerische und wissenschaftliche Elite Anjiins, um im Zentrum des Carryx-Imperiums als Sklaven zu leben und die Kriegsbemühungen der Carryx gegen einen mysteriösen, unsterblichen Feind zu unterstützen. Wiederkehrende Motive und Themen sind dabei die menschliche Natur in Anbetracht unvorstellbarer Hoffnungslosigkeit, aber auch Fragen von Moral und Ethik im Rahmen einer Situation, die weder Moral noch Ethik zulässt. Wer Fan gedanklicher Experimente im Sinne des Trolley-Problems ist, kommt hier in quasi jedem Kapitel auf seine Kosten, und zwar in unendlichen Variationen.

Dafyd Alkhor, der zentrale Protagonist der Trilogie, beginnt als wissenschaftlicher Assistent eines genialen Biologen und fällt neben seinem Chef und den anderen brillianten Mitgliedern seines Forschungsteams kaum auf. Im Weltpalast der Carryx kommt er allerdings zunehmend in die Lage, wichtige Entscheidungen treffen zu können, die für unzählige Menschen den sicheren Tod bedeuten, doch möglicherweise auch das Imperium der Carryx zu Fall bringen könnten. Es gibt keine einfachen Schwarz-Weiß-Antworten auf die Probleme, die Dafyd und seine Mitstreiter (genannt seien hier vor allem Jessyn Kaul und Campar, aber auch eine mysteriöse Alien-Entität, die unerkannt inmitten der Menschen lebt) lösen müssen, nachdem ihre Realität sich für immer verändert hat, doch jeder Fehltritt kann den Tod bedeuten.

Über Buchaufmachungen lässt sich streiten – die fand ich auch bei einigen Bänden von The Expanse fragwürdig – aber hier sind die Klappentexte der Bände 1 und 2 zum Nachlesen für euch.

Die Synopsis für Band 1 (frei von mir übersetzt) fasst Dafyds zentrale, moralisch vieldeutige Rolle gut zusammen:

„Er wird der Verfechter der Menschheit werden und ihr Verräter, der meistgehasste Mann der Geschichte und der Hüter seines Volkes.“

Klappentext für The Mercy of Gods, Eigenübersetzung

Die Welt, in der die menschlichen Überlebenden wiederfinden, wirkt dabei sehr erdrückend – nicht nur auf die Figuren. Sie ist bevölkert von Aliens – „true aliens“, also nicht nur Menschen mit zusätzlichen Kopftentakeln, Hörnern oder anderen prosthetischen Erweiterungen. Die Lebensformen, die Dafyd und den anderen begegnen, sind so andersartig, dass sie oft Schwierigkeiten finden, sie für sich begreiflich zu machen und zu kategorisieren – und es ist spannend zu sehen, wie die Biologen, um die es hier geht, dann doch Wege finden, sie vermeintlich zu erklären, diese Hypothesen dann aber immer wieder verwerfen müssen. Meine Favoriten sind wohl die Night Drinkers und Soft Lothark, aber auch die einfüßige Schnecke Vaudai aus The Faith of Beasts. All diese Spezies wurden von den Carryx unterworfen und leben mit den Menschen im Weltpalast im Herzen des Imperiums, wo sie von „Librarians“ der Carryx verwaltet, verwendet und auch massakriert werden, je nachdem, was dem Imperium am besten dient. Während in The Expanse das Protomolekül und seine ausgestorbenen Schöpfer die einzigen Alien-Präsenzen waren, gehen Franck und Abraham hier kreativ in die Vollen.

Das hat allerdings auch seine Schattenseiten. Gerade Band 1, The Mercy of Gods, hat mich beim Lesen oft mit seiner Fülle an Exposition erschlagen – gerade im Mittelteil, also nach der Unterjochung von Anjiin und dem Transport der Menschen zum Weltpalast. Es fiel mir bisweilen schwer, den mir präsentierten Konzepten zu folgen, was ein Stück weit aber sicher auch gewollt war, denn genau so fühlen sich Dafyd, Tonner, Else und ihr Forschungsteam ja auch. Als einige Menschen dann eine Rebellion anzetteln wollen und der Konflikt mit den Night Drinkers sich zuspitzt, wird es allerdings wieder spannend, und ich muss den beiden Autoren zugute halten, dass ich dieses Gefühl der expositorischen Überlastung in The Faith of Beasts gar nicht mehr hatte. Der zweite Band ist ein gutes Stück besser, leichter lesbar und spannender geschrieben als sein Vorgänger und hat mich so sehr überzeugt, dass ich inzwischen keinen Zweifel mehr daran habe, dass diese Reihe sich zu einem modernen Klassiker des Genres entwickeln wird, ähnlich wie The Expanse.

Auch inmitten der Längen des ersten Bandes gibt es erzählerische Tricks, die den Leser bei der Stange halten, denn in The Mercy of Gods gibt es immer wieder kapiteleröffnende Zitate, die scheinbar nach dem Fall des Carryx-Imperiums aufgenommen wurden und durch ihr Foreshadowing Spannung erzeugen. Der eher unbeholfene Dafyd zu Beginn von Band 1 ist beispielsweise zunächst schwer mit der apokalyptischen Figur in Einklang zu bringen, als die er von seinen späteren Feinden beschrieben wird. Das zeigt auch: Es gibt einen Plan für die Trilogie, und ich bin gespannt, wie dieser ausgeht. Nach dem Ende von Band 2 kann man sogar eine grobe Vorstellung davon haben, was in Band 3 passieren muss, auch wenn die genaue Frage nach dem „Wie?“ dem noch kommenden Band vorbehalten bleibt.

Livesuit (Oktober 2024, Orbit, E-Book)

Die Novelle oder Kurzgeschichte Livesuit kann dabei sowohl vor als auch nach dem ersten Band gelesen werden und behandelt den Äonen umfassenden Krieg der Carryx und ihrer unsterblichen Feinde aus einer anderen Perspektive, die dann auch in The Faith of Beasts aufgegriffen wird. Persönlich empfehle ich aber natürlich immer, Geschichten einer Reihe in der Reihenfolge ihres Erscheinens zu lesen, aber wer einen Vorgeschmack auf den Stil möchte, kann sich diesen mit Livesuit ganz gut verschaffen.

The Captive’s War von James S. A. Corey ist eine schmutzige, düstere und oft scheinbar hoffnungslose Erzählung, die wirklich erdrückend wirkt. Charaktere kämpfen mit ihrer mentalen Gesundheit, ihren Loyalitäten, ihren Gefühlen, ihrer Rolle in der Gesellschaft, ihrer Sexualität und ihrem Wert als Menschen im Angesicht eines Feindes, für den sie nur widerwärtige Nutztiere sind. Der Tod ist allgegenwärtig und auch lieb gewonnene Figuren sind nicht sicher, auch wenn die Autoren sich durchweg bemühen, alle Charaktere plastisch auszuarbeiten, selbst, wenn sie ein Kapitel nicht überleben. Durch das Foreshadowing und den ungebrochenen Kampfgeist von Figuren wie Dafyd oder Jessyn entsteht aber auch das Gefühl von Hoffnung wider alle Hoffnung, das das Lesen erträglich macht. Zudem brillieren die Autoren mit originellen Ideen im „Science“-Teil von „Science Fiction“, die die von Amazon bestellte Serienumsetzung dieses Stoffs visuell beeindruckend, aber auch sündhaft teuer machen sollte.

Die Gnade der Götter ist auch bereits auf Deutsch verfügbar, und Der Glaube der Bestien folgt im August, sodass ihr nicht – wie ich es immer tue – auf Englisch lesen müsst. Lediglich Livesuit scheint aktuell nur auf Englisch verfügbar zu sein, aber zeigt hier keine Scheu – der Sprachstil von James S. A. Corey ist in meinen Augen gut zugänglich auch für Nicht-Muttersprachler, die Englisch nur irgendwann mal in der Schule hatten.

The Expanse und The Captive’s War, Seite bei Seite im Regal

Hat von euch jemand schon in The Captive’s War reingelesen? Klingt das für euch interessant – oder eher nicht? Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen.

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