Macgyver im Weltall: The Martian von Andy Weir
Wenige Wochen bevor ich diesen Blog startete hatte ich den Roman Project Hail Mary (zu Deutsch recht banal Der Astronaut) von Andy Weir gelesen und wurde bestens unterhalten und die kürzlich erschienene Verfilmung mit Ryan Gosling steht dem auch in nichts nach. Grund genug für mich, mir auch den Erstling des Autors, The Martian, zu Gemüte zu führen, der praktischerweise auch jetzt im Mai als Sonderausgabe neu aufgelegt wurde, bei der ich direkt zugegriffen habe. Den gleichnamigen Ridley-Scott-Film mit Matt Damon habe ich noch nicht gesehen (steht jetzt aber auf der Liste), da ich üblicherweise gerne zuerst das Buch lese und dann den Film schaue.

Und darum geht es: Bei der dritten bemannten Marsmission der NASA kommt es nach der Landung auf dem roten Planeten zu einem Unfall, bei dem der Astronaut Mark Watney scheinbar umkommt und in einem Sturm verschwindet. NASA bricht die Mission ab und evakuiert die anderen Astronauten, doch Watney hat wider alle Wahrscheinlichkeit überlebt. Durch seine (oft sehr technischen, aber bisweilen auch lustigen) Logbucheinträge begleiten wir den Marsianer wider Willen bei seinem verzweifelten Überlebenskampf, bis seine Rettung erfolgen kann.
Ähnlich wie Project Hail Mary liest sich The Martian recht locker nebenher. Der Protagonist ist ein humorvoller, überaus fähiger Everyman, der viel Projektionsfläche für die Leserschaft bietet – was andererseits natürlich bedeutet, er bleibt als Figur recht stereotyp und flach (und man merkt, dass Andy Weir die Figur Ryland Grace zumindest etwas komplexer konstruiert hat als Mark Watney, also aös Autor dazugelernt hat). Ähnlich verhält es sich mit anderen Charakteren, die in Zwischenkapiteln auf der Erde oder an Bord der Marsfähre Hermes auftauchen. Besonderer Triggermoment war der von seinen Kollegen selbst als Stereotyp bezeichnete deutsche Astronaut Vogel, der an sich nahezu perfektes Englisch spricht, aber (in der Originalversion des Romans) lediglich immer „Ja“ statt „Yes“ sagt, um uns an seine Herkunft zu erinnern. Herr Weir, ich hoffe, Sie treffen Deutsche künftig auch außerhalb von Hollywood-Filmen – das hat schon wehgetan.
Die flache Charakterzeichnung ist aber im Endeffekt gar nicht so störend wie man meinen sollte, denn trotz der Tagebucheinträge, über die man Mark Watneys Geschichte verfolgt, ist die innere Handlung des Protagonisten reiner Nebenschauplatz. Hier geht es eher um Problemlösung im Macgyver-Stil mit marsianischer Survival-Komponente. Wie kann man auf dem Mars eigentlich Kartoffeln anbauen? Wie löst man technische Probleme mit der Ausrüstung ohne Liefer-Nachschub von der Erde? Was, wenn das Habitat plötzlich dekomprimiert? Woher bekommt man genug Sauerstoff, Wasser und Strom? Hier glänzt der Autor mit seinem Einfallsreichtum und das ist der eigentliche Reiz des Buches. Wer Project Hail Mary bereits gelesen hat, erkennt hier ein weiteres Muster dieses Autors: technisch raffinierte Problemlösungen sind wichtiger als komplexe emotionale Handlungsstränge; und der Rest der Welt – von US-Politikern und NASA-Wissenschaftlern bis hin zur Volksrepublik China – beugt sich auch recht schnell dem Willen des Plots, der ja voranschreiten muss, koste es was es wolle.
Insgesamt bekam ich durch The Martian kurzweilige, unterhaltsame Science-Fiction-Lektüre, bei der die Wissenschafts-Fiktion im wörtlichen Sinne definitiv im Vordergrund stand. Wer eher komplexe Welten und tiefe Charaktere sucht ist hier fehl am Platz, aber wer wissenschaftlich geprägte Weltraum-Survival-Problemlösungs-Romane wie Project Hail Mary mag, macht auch mit The Martian nichts falsch – selbst wenn man hier ohne Rocky auskommen muss.
P.S.: Zwischen House of Leaves und The Martian habe ich noch den ersten Murderbot-Band von Martha Wells (All Systems Red) gelesen, wovon ich tatsächlich schon die erste Staffel der Apple-TV-Adaption gesehen hatte. Zu dieser Reihe werde ich auf jeden Fall auch noch etwas schreiben, sobald ich mehr davon gelesen habe.

