Das Buch, das nicht gelesen werden möchte: House of Leaves von Mark Z. Danielewski

„This is not for you.“

– Widmung zu Beginn des Buches

Es war die letzten Wochen ruhig auf diesem Blog, aber das bedeutete keinesfalls, dass ich dieses Projekt binnen eines Monats wieder aufgegeben habe, sondern eher, dass ich1 eine langwierigere Lektüre unternommen habe, über die es heute zu berichten gilt. Es handelt sich um das berüchtigte Buch House2of Leaves von Mark Z. Danielewski. Von Stephen King und Joe Hill überaus treffend als das „Moby Dick des Horrors“ beschrieben3 4, bietet House of Leaves ein vielschichtiges Spiel mit der Realität und der Wahrnehmung – nicht nur seiner Charaktere, sondern auch die der Lesenden, und jeder Diskurs über dieses Werk verliert sich zunehmends in der Frage, welche der präsentierten Ereignisse und Figuren nun „echt“ war.5

Das Buch gibt vor, ein von einem Herrn namens Zampanó6 verfassten Hauptteil zu haben, dessen Manuskript von einem zweiten Herrn namens Johnny Truant in Zampanós Nachlass gefunden und für die Publikation aufbereitet worden war. Dieser wiederum hat namenlose Redakteure, die – genau wie Johnny – einige Fußnoten quer in dem Werk verteilt haben7.

Das Manuskript im Kern von House of Leaves folgt dem (möglicherweise in der Fiktion ebenfalls fiktiven) Fotografen und Filmemacher Will Navidson und seiner Partnerin Karen Green, die mit ihren beiden Kindern in ein Anwesen in Virginia einziehen. Das Haus in der Ash Tree Lane stellt Navidson und seine Familie allerdings bald vor geometrische Rätsel, denn es ist innen größer als außen und hinter einer mysteriösen Tür tauchen plötzlich endlose, lichtlose Flure und Räume auf, deren Ausmaße und Konfiguration sich andauernd verändern und für Navidson und seine Freunde einerseits Faszination, andererseits Unheil bedeuten.

Wenn ich sage, das Manuskript „folgt“ dieser Familie, dann meine ich eigentlich, dass es sich um eine akademische, film- und literaturwissenschaftliche Abhandlung über einen (doppelt?) fiktiven Film namens The Navidson Record, in dem Will Navidson anhand eines Big Brother-mäßigen Kamera-Setups zunächst das Leben seiner Familie in ihrem neuen Heim und später dann die gruseligen Erkundungen der düsteren Unterwelten ihres Hauses dokumentiert. In Fußnoten echauffiert sich Johnny dann zunächst darüber, dass dieser Film wohl auch in seiner eigenen fiktiven Lebenswelt nicht existiert, bevor er uns an (un)passender Stelle immer wieder von sexuellen Begegnungen und Drogenexzessen berichtet, doch im späteren Verlauf der Handlung involviert er sich stärker mit dem akademischen Diskurs rund um The Navidson Record – und verliert zunehmends auch selbst den Verstand.

Wir haben auf einer Ebene also die Liebesgeschichte zwischen Will „Navy“ Navidson und Karen Green, die den wohl zugänglichsten emotionalen Kern des Buches liefert, andererseits Johnnys sich verschlimmernde mentale Gesundheit, und dazwischen den akademischen Diskurs über die Bedeutung von Zeit, Raum, Echos, Labyrinthen, Kunst im Besonderen und Allgemeinen, und ob in den Gängen des Hauses ein Monster existiert. Auf einer weiteren Ebene haben wir dann auch uns selbst als Leser und die Frage, was die über die mehreren Erzählebenen beschriebenen Ereignisse mit uns machen, und in dieser Wechselwirkung bestand für mich der Reiz des Buches.

House of Leaves gilt als Beispiel für „ergodische Literatur“8, was von seiner griechischen Wortwurzel her bedeutet, dass man als Leser aktiv Arbeit (= ergon) reinstecken muss, um den richtigen Weg (= hodos) durch das Buch zu finden.9 Einerseits ist der akademische Diskurs von Fußnoten mit Erläuterungen und Querverweisen geprägt, von denen einige auf echte, nachschlagbare Bücher und Artikel verweisen, während andere (wie die frühen Iterationen von ChatGPT) lediglich bekannte Autoren vorspiegeln, die diese Dinge aber nie gesagt haben, und wieder andere komplett frei erfunden sind, aber dafür bisweilen für den einen oder anderen akademischen Witz oder Wortwitz gut sind. Dazwischen finden sich auch Gedichte, Zitate oder gar ganze Briefroman-Sequenzen.

Das ist allerdings nur der Anfang des gestalterischen Wahns des Werkes, dessen Layout von Danielewski selbst so festgelegt wurde: Fußnoten sind ineinander verschachtelt oder auf den falschen Seiten zu finden, wechselnde Schriftarten zeigen den aktuellen Erzähler an, es gibt Querverweise auf Text- und Bilddokumente im Anhang, die Front- und Endseiten sind voller Hexcodes, aus denen sich eine Audiodatei konstruieren lässt, und – dafür ist House of Leaves schließlich am bekanntesten berüchtigsten – der Text ändert immer wieder seine Richtung sowie seine Zeichen- und Zeilenabstände und bisweilen (je nach Ausgabe) auch die Farbe. Diese führt dann zu Seiten, die gekonnt mit negativem Raum spielen oder z.B. das Zerreißen eines Seils oder verengende Korridore durch das Schriftbild visualisieren. Durch all diese Spielereien ist ein Hörbuch geradezu ein Ding der Unmöglichkeit, und wenn ihr dieses Experiment eingehen wollt, dann holt euch bitte die physische Hardcover-Edition, egal in welcher Sprache. Ja, dies ist eine weitere Zugangsschwelle. Ach ja: Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, aber der Autor streut auch immer wieder Zitate auf Französisch, Spanisch, Deutsch oder Italienisch ein.10

Wie geht es einem also, wenn man so ein Werk liest? Ganz ehrlich: zu Beginn gar nicht gut. Der ergodische Ansatz bedeutete, dass ich mich siebzig Seiten lang quälen musste, bis es endlich aus konventioneller Definition des Begriffes heraus für mich „interessant“ wurde. Das ist die Türschwelle in Danielewskis Haus, die der Leser überwinden muss, um all die Gänge im Inneren zu erkunden. Was genau er dort findet oder wie ich einzelne Elemente des Buches deute möchte ich an dieser Stelle hier nicht angehen11, aber die eingangs von mir zitierte Nicht-Widmung gilt es ernst zu nehmen: Dieses Buch ist wirklich nicht für jeden, und anfangs wollte ich es quasi nach fast jeder akademisch schwadronierenden Seite wieder weglegen.12 Danke, mein Literaturstudium habe ich hinter mir – ich lese dieser Tage ja hauptsächlich zum Vergnügen.

Von „Vergnügen“ kann ich hier wohl nicht unbedingt sprechen, aber irgendwann zieht einen der Plot rund um Navy und seine Crew dann doch rein, und auch das Mysterium rund um Johnny wird v.a. nach einer Stippvisite zu einer derangierten Briefsammlung im Anhang etwas klarer und interessanter. Außerdem gewöhnt man sich als Leser irgendwann an den einzigartigen Stil und seine Eigenheiten, und man fühlt sich vielleicht sogar in dem Buch zuhause, während man seine Mysterien ergründet.

Abschließend kann ich sagen, dass House of Leaves von Mark Z. Danielewski wohl das Buch mit der dichtesten Intentionalität ist, das ich je gelesen habe, denn in jedem Buchstaben, jedem Sonderzeichen und (fast?) jedem Querverweis befinden sich Bedeutungsebenen, die zu ergründen wohl ein Leben dauern würde. Danielewski selbst hat den Großteil der 90er-Jahre damit verbracht, dieses Magnum opus zu verfassen, und eine gründliche und erschöpfende13 Exegese wird wohl mindestens genauso viel Zeit verschlucken. Zuletzt hat mich am meisten das typographische Spiel beeindruckt, vor allem wenn es um die Typographie als Reflektion des erzählten Raumes ging, denn ähnlich die der fiktive Fotojournalist Will Navidson, der angeblich für sein Spiel mit Raum in der Fotografie bekannt ist, beweist Danielewski sich hier als innovativer Meister, der mit Konventionen bricht und für eine wirklich einmalige Lektüre sorgt.14

Was meint ihr – ist dieses Buch etwas für euch? Oder soll die Nicht-Widmung doch Recht behalten?

  1. auf dringlichste Empfehlung meiner Frau hin, Grüße gehen raus! ↩︎
  2. Wenn ihr euch fragt, warum ich das Wort Haus bzw. House bei jeder Erwähnung blau färbe, dann liegt das daran, weil Danielewski es in seinem Werk auch tut (egal in welcher Sprache oder welchem Wortkontext). (Beim Titel dieser Seite war das sogar eine größere technische Herausforderung.) Sollte ich es irgendwo vergessen habe, hetzt mir bitte nicht den Minotaurus auf den Hals. ↩︎
  3. Dominus, Susan (July 31, 2013). „Stephen King’s Family Business“. The New York Times. ISSN 0362-4331. Retrieved January 24, 2017. (cited via Wikipedia: House of Leaves. Last accessed: May 17, 2026) ↩︎
  4. Der Vergleich bietet sich nicht nur wegen der vielen „Sideplots“ und scheinbaren Belanglosigkeiten an, die Herman Melville und Mark Z. Danielewski in ihre Werke eingebaut haben, sondern auch mit der zunehmenden Obsession ihrer Hauptcharaktere. In Danielewskis Werk gibt es nicht nur einen Ahab. ↩︎
  5. Als kluger Leser mit Fiktionalitätskompetenz kann die Antwort natürlich nur lauten: Es ist alles Fiktion! Wir streiten uns nur darüber, welche Fiktion realer ist als andere. Star Wars-Fans hassen diesen Trick. 😉 ↩︎
  6. ein armer, alter, blinder Irrer, der das Buch aus dem Gedächtnis heraus an Erfüllungsgehilfen seiner künstlerischen Vision diktiert hat ↩︎
  7. Jetzt erklärt sich für euch auch bestimmt das eigensinnige Format dieser Rezension. Seid froh, dass ich keine anderen gestalterischen Maßnahmen des Romans auf diesen Blogartikel übertragen habe, sonst müsstet ihr jetzt ggf. euren Bildschirm drehen. Just saying. ↩︎
  8. Wikipedia (March 29, 2026). „Ergodic literature.“ Last accessed: May 17, 2026. ↩︎
  9. Ibid. ↩︎
  10. Thankfully, footnotes provide translations, though some of them are erroneous and thereby encourage the reader to question everything. ↩︎
  11. Nicht zuletzt, weil das Buch bereits 26 Jahre auf dem Markt ist und es immer noch ganze Abschnitte des Internets gibt, die ihr Leben voll und ganz seiner Auslegung verschrieben haben, und ehrlich gesagt, Leute, ich habe Respekt vor euch, aber auch ein bisschen Angst. Nehmt es mir bitte nicht übel! Ich bewundere eure Arbeit, aber auf diesem Level befinde ich mich noch nicht – und wer weiß, ob ich es je erreichen werde. Dies zu tun erscheint mir wie eine kilometerlanger Treppe, deren Anfang und Ende ich nicht einmal erahnen kann.X ↩︎
  12. Meine Frau hat mich allerdings mit Nachdruck ermutigt, weiterzulesen, und was soll ich sagen, es hat sich dann doch gelohnt. ↩︎
  13. Wortspiel! Falls es nicht offensichtlich genug war. ↩︎
  14. Dass das Buch sich einwandfrei als Satire auf den oft selbstreferenziellen, inhaltsleer schwadronierenden und von unnötigen Anekdoten geprägten akademischen Diskurs lesen lässt, der mein Anglistik- und Hispanistikstudium natürlich auch geprägt hat, sorgte inmitten der vielen unheimlichen Sequenzen ebenfalls für das eine oder andere Schmunzeln. ↩︎

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2 Kommentare

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    1. Absolut faire Reaktion. Solche Experimente muss man mögen, oder man quält sich nur – und selbst dann läuft man Gefahr, sich streckenweise zu quälen.

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