Game of Thrones: The Mad King vereint epische Fantasy gekonnt mit theatralischem Pathos
Es ist wahrlich kein Geheimnis, dass ich ein großer Fan von George R. R. Martins Reihe A Song of Ice and Fire bin, aus der auf HBO das Game of Thrones-Serienuniversum erwachsen ist. Und ja, genau wie alle anderen warte ich – tatsächlich recht geduldig – auf The Winds of Winter, freue mich aber auch über all die Nebenstorys, die GRRM uns z.B. mit A Knight of the Seven Kingdoms oder Fire and Blood beschert hat, da sie die Welt unglaublich tiefer, lebendiger und auch bunter machen. Als schließlich die Royal Shakespeare Company – eine der renommiertesten Theatergruppen der englischsprachigen Welt – Anfang des Jahres ankündigte, mit Game of Thrones: The Mad King eine neue Geschichte aus Westeros auf ihre heiligen Bühnen in William Shakespeares Heimatstädtchen Stratford-upon-Avon bringen zu werden, gab es für mich keine Frage: Der Sommerurlaub würde uns nach England führen und wir müssen dieses Stück sehen! Nun – gesagt, getan: In der Woche vor der offiziellen Premiere, die am 8. August stattfand, konnte ich gleich zwei Preview-Aufführungen auf heiligem Boden im Royal Shakespeare Theatre am Fluss Avon beiwohnen – was für mich sowohl als studierter Anglist als auch eben als Fantasy-Fan eine unbeschreibliche Erfahrung war.
Offizielle Bilder aus dem Stück gibt es auf Instagram bei @gameofthronesonstage! Fotografieren war während des Stücks natürlich nicht erlaubt (richtig so!), weswegen ich euch keine eigenen Bildeindrücke bieten kann.

Zum Glück, und das muss man hier auch ausdrücklich sagen, war das Stück wirklich, wirklich gut, und zwar nicht allein als Auswuchs eines Fantasy-Franchises, der mit Fanservice die Kassen der RSC füllen soll (wobei das unbestritten ein Faktor ist), sondern eben auch als modernes Theaterstück, das in puncto Pathos in der Tradition der großen shakespeare’schen Tragödien und der Historiendramen aus den „Wars of the Roses“ steht. In puncto Produktion handelt es sich laut Aussagen der RSC-Intendanten um die teuerste Produktion, die die Gruppe bisher unternommen hat, und ihr werdet auch im Laufe dieser Rezension erfahren, warum.
Darum geht es: Wir befinden uns über anderthalb Jahrzehnte vor dem Beginn der Buch- bzw. Serienhandlung von A Game of Thrones. Der zunehmend dem Wahnsinn anheimfallende und für das Stück titelgebende „Mad King“ Aerys II Targaryen sitzt auf dem Eisernen Thron von Westeros, doch sein Sohn und Thronfolger Prinz Rhaegar probt insgeheim den Aufstand. Akt 1 erzählt uns zum allerersten Mal die Geschichte des Turniers von Harrenhal, das in Georges Werken immer wieder erwähnt wird – nicht zuletzt die Episode mit dem mysteriösen „Knight of the Laughing Tree“ und Rhaegars verwirrende Taten während und nach diesem Ereignis. Dort treffen die Stark-Geschwister Brandon, Eddard (Ned!), Lyanna und Benjen, aber auch der spätere König Robert Baratheon, der liebenswerte Howland Reed sowie Prinzessin Elia Martell, Ashara Dayne und einige Ritter der „Kingsguard“ aufeinander. Ein Gemisch, das im Schatten des drohenden Unheils anfangs zu sehr lustigen, wohlig-warmen Momenten fähig ist, doch auch Aerys selbst ist nicht weit weg… und im Gepäck hat er seinen Speichellecker Maester Pycelle und den Spionagemeister Varys. Und so überschlagen sich langsam aber sicher die Ereignisse in dem – mit einer 20-minütigen Pause – fast 4-stündigen Stück, dessen zweiter Akt dann die in Grobzügen bekannten Ereignisse von Roberts Rebellion abdeckt, doch auch hier gekonnt Charaktermomente schafft.
Autor Duncan Macmillan, der die Geschichte des Mad King für die Bühne adaptiert hat und dafür Georges Werke nach allen Referenzen auf Harrenhal und Roberts Rebellion durchforscht hat, versteht es gekonnt, diesen Fanservice in wirklich emotionalen, packenden Theatermomenten zu verpacken, die das Produktionsteam rund um Regisseur Dominic Cooke meisterhaft zum Leben erweckt hat. Dafür werden alle Register der Bühnenkunst gezogen – neben Licht und Ton (inklusiver fantastischer Musik, wie man es von Game of Thrones kennt) gehören dazu vor allem ein unkonventionelles Bühnen-Setup und Bühnenbild. Die kreuzförmig arrangierte und für dieses Stück extra umgebaute Bühne des Theaters platziert uns Zuschauer nämlich 360 Grad rings um das Geschehen, und auf dem Parkett zwischen den Streben des Kreuzes auch mittendrin. Bei einer Vorführung hatte ich plötzlich die Starks oder einen aufgewühlten Robert Baratheon neben mir stehen, die dem Turniergeschehen auf der Bühne genauso gebannt folgten wie wir Zuschauer. Bei der anderen Preview stand der undurchsichtige Varys plötzlich auf den Rängen neben mir. So wird man selbst zum Teil des Stücks und klatscht unfreiwillig mit, wenn neben einem die Starks ihren Champions applaudieren – was, so meine ich, auch gewollt ist.


Die Inszenierung geschieht mit einem gigantischen Ensemble-Cast, der gut drei Dutzend Schauspieler*innen umfasst, die teils wechselnde Charaktere spielen oder gigantische Marionetten steuern. Der Begriff Marionette oder das englische „Puppetry“ wirken aber fehl am Platz, denn im Endeffekt handelt es sich hier um Pferde, Drachen und den gigantischen Ritter „The Mountain That Rides“ Gregor Clegane, die auf diese Weise umgesetzt wurden. Insbesondere die Pferde, die von mindestens zwei Ensemble-Mitgliedern gesteuert werden, die sich innerhalb des „Pferdekostüms“ befinden und sich sehr authentisch choreographiert bewegen und dabei die Illusion eines echten Pferdes erschaffen, haben es mir angetan. Umso krasser war, dass z.B. Prinz Rhaegar öfters auf diesen Pferden reitend gesehen wird, was für die Stabilität der zugrundeliegenden Metallkonstruktion spricht. Man weiß sofort, warum dies bis dato die teuerste RSC-Produktion ist. (Ich verweise erneut auf die oben verlinkte Instagram-Galerie!)

Was die Schauspieler angeht, so verliert man trotz der Cast-Größe nicht den Überblick. Einerseits hat das Casting sich bemüht, Familien und ethnische Gruppen von Westeros so zu casten, dass sie alle dieselbe Hautfarbe haben, weswegen die Starks hier z.B. von dunkelhäutigen Darstellern wie Michael Abubakar und Harmony Rose-Bremner verkörpert werden. Dies hat leider auf Instagram zu einigen teils rassistischen Kommentaren von Menschen geführt, die nicht wissen, dass Theater hauptsächlich über „suspension of disbelief“ funktioniert (nicht zuletzt spielen des Öfteren ja auch Männer Frauen – und umgekehrt), war aber ein Geniestreich. Nicht nur, weil diese Schauspieler extrem talentiert sind und das Stück tragen, sondern auch, weil man so in großen Gruppenszenen leicht den Überblick über die Fraktionen behält, wozu die übrigens sehr farbenfrohe, mittelalterlich-historisch bzw. buchgetreuen Kostüme ebenfalls beitragen. Anders als die HBO-Serie scheut man sich hier nicht, Farbakzente zu setzen – in jeglicher Hinsicht. Und innerhalb der Gruppen haben die Charaktere sehr markante Kostüme und Frisuren, die dann auch die Identifikation von Individuen wunderbar erleichtern.
Was schauspielerische Glanzleistungen angeht, weiß ich gar nicht, wo ich anfangen oder aufhören soll. Jedes Mitglied des Casts hat seine durch das Skript ermöglichte Glanzmomente und es gab keine einzige schlechte Performance, aber vielleicht kann ich mich auf ein paar „Standouts“ konzentrieren. Michael Shaeffer als Aerys II ist definitiv einer davon, denn er zeigt durch eine körperlich wie emotional beeindruckende Performance (und tolle Verwandlungen durch die Maskenbildner), wie der König immer tiefer dem Wahnsinn anheim fällt, was mal lustig, mal besorgniserregend, mal geradezu gruslig und erschreckend und am Ende eigentlich nur noch mitleiderregend ist – die volle Bandbreite also. Emotional ist das Stück verankert durch Harmony Rose-Bremners Lyanna Stark und Noah Ritters Rhaegar Targaryen, deren komplizierte Verstrickung miteinander das Element ist, das auch Einsteiger emotional abholen sollte, und Michael Abubakars als Eddard „Ned“ Stark liefert ebenfalls eine sympathische, packende Performance, die viele ergreifende Momente hat. Im ersten Akt eröffnet uns Callum Woodhouse als Robert Baratheon neue Wunden im Charakterprofil seiner Figur, die ihn sehr verletzt und verletzlich erscheinen lassen, und im zweiten Akt sind es insbesondere die Frauen, die auffallen. Mariah Gale als die derangierte Königin Rhaella Targaryen hat einen haarsträubend guten Monolog, bei dem man Tränen verdrücken muss, und auch Tanisha Spring als Ashara Dayne und Elizabeth Ayodele als Elia Martell haben das Publikum emotional fest auf ihrer Seite. Kleinere Kritik hätte ich allenfalls am eher oberflächligen Writing für die Figuren aus dem Haus Lannister (insbesondere Jaime), doch auch hier machen die Darsteller das Beste daraus (auch wenn man Charles Dances Tywin aus der Serie doch vermisst).
Diese Performances – teils von sehr theatererfahrenen Schauspielern, teils von Newcomern – werden durch das wunderbare Skript gestützt, das Dialoge mit sehr viel Pathos bietet, die auch im beschwingten shakespeare’schen Theater-Singsang dargeboten werden, was für den Aufführungsort und die Theaterkompanie, aber auch für die Story an sich nur treffend ist. Es gibt keine Szenen per se, keine dunklen Momente zwischen Abschnitten des Stücks, sondern fließende Übergänge, bei denen Charaktere aus einer der vier Bühnentüren auf selbige stolpern/laufen/marschieren, ihre Darbietungen liefern und dann abtreten, während zugleich bereits aus einer anderen Tür die nächste Konstellation das Geschehen betritt. Die Bühne ist nie leer, das Licht geht sehr selten aus und es herrscht eine fließende Kontinuität, die – gepaart mit den dargestellten Ereignissen – eine emotionale Abwärtsspirale sowie ein beklemmendes Gefühl der Unausweichlichkeit für die Figuren erschafft, die oftmals Gefangene ihrer Umstände sind. Duncan Macmillan meinte im „Creative Team Talk“ vor der einen Preview, dem wir beiwohnen durften, sogar, dass das Skript keine nummerierten Szenen habe.
Wie es sich für shakespeare’sches Theater gehört gibt es natürlich auch eine Message, denn alle Figuren sind in der Dichotomie aus Pflicht und Liebe gefangen, die sich als Leitmotiv durch alle „Szenen“ zieht. Und natürlich zieht die Liebe sie in eine Richtung, die Pflicht aber in eine andere, und keine Entscheidung erscheint richtig – das ist Game of Thrones in Reinform. Aber zur Message: In diesem Kontext kommentieren vor allem die jüngeren Figuren oft ihre Ohnmacht ob des Weltgeschehens, in der die heranwachsenden Generationen eine zunehmend kaputtere Welt erben, die von alten Männern, die sich verzweifelt an die Macht klammern, ihres eigenen Profites wegen heruntergewirtschaftet wird. Kennt man irgendwoher, oder?
Ich kann auch nur betonen, dass The Mad King dem Franchise absolut gerecht wird. Nein, Nacktheit gibt es nicht auf der Bühne, und auch die Gewalt ist im Theater nur simuliert dargestellt – aber ganz ehrlich, das ist auch besser so. Der Ton des Stücks, die Art, Geschichten zu erzählen, sowie die Tiefe und Authentizität der dargestellten Welt passen aber 1:1 und genau das macht The Mad King als Bühnenadaption so ansprechend.
Ich kann jedem, der es bis zum 5. September noch nach Stratford-upon-Avon schafft (und vielleicht noch Tickets im Resteverkauf ergattern kann – an sich ist alles ausverkauft, aber durch kurzfristige Stornierungen kann man doch noch etwas bekommen), nur wärmstens empfehlen, sich dieses Stück anzuschauen. Realistischer ist aber wahrscheinlich, kommende Inszenierungen abzuwarten, die sicher nicht lange auf sich warten lassen werden – im Londoner West End, am New Yorker Broadway, oder irgendwo auf Tour. Dennoch: Die Inszenierung von Stratford-upon-Avon wird wahrscheinlich einmalig bleiben, und gerade diese Vergänglichkeit und Wandelbarkeit macht Theater doch so schön und unvergesslich. Man kann allerdings hoffen, dass die Aufführungen, die Ende August aufgenommen werden, doch irgendwie ihren Weg ins Streaming finden werden, um das Einmalige dauerhaft zu machen.
